Sonntag, 18. April 2021

Was kommt aufs Dach? … und was war auf dem Dach?

Die einzige Dachziegelscherbe wurde unter dem Fussboden entdeckt. Nach Form, Farbe und Materialzusammensetzung könnte es ein Stück Mönch oder Nonne sein. 

Mönch und Nonne – ein spannendes Thema, das schon einige Male diskutiert wurde. Schon 2003, während der ersten hauskundlichen Untersuchung der Pastorenhauskonstruktion im Bauernhaus, tauchte die Frage auf: Welche Dacheindeckung hatte das Gebäude im Jahr der Erbauung 1535?

Das originale Dachgerüst von 1535 auf Pastors Hus – die Wetterseite (Westen) ist mit stabilen Andreaskreuzen verstärkt. Die letzten Dachziegel waren Doppelfalzziegel von 1957.

Die entdeckten Baubefunde gaben uns Hinweise zur Lösung des Dachdeckungsproblems:

  • Die vorhandenen Dachsparren, scharfkantig geschnitten und gut dimensioniert aber eng aufgestellt, sind in dieser Form nicht für ein Strohdach notwendig.
  • Die Andreaskreuze –  Verstrebung zwischen den Sparren – allerdings nur auf der Wetterseite, wären für ein leichtes Strohdach kaum nötig gewesen.
  • Dieses hochwertige in seiner Erscheinung so ganz anders aussehende „oberschichtliche" Gebäude in seiner baulichen Qualität könnte durchaus ein hartes Dach gehabt haben 
Also kann es nur ein hartes Dach gewesen sein. 
Aber welche Harteindeckung war am Beginn des 16. Jahrhunderts üblich?

Falzziegel gab es erst im 19. Jh., unsere bekannten Hohlpfannen, sind schon etwas älter aber für das 16. Jahrhundert zu jung (stimmt nicht: schon Mitte des 16. Jahrhunderts sollen die ersten Hohlpfannen aus den Niederlanden nach Norddeutschland gekommen sein). 
Bleiben nur Biberschwanz-Ziegel – diese sind aber hier bei uns in der Grafschaft Hoya unüblich – oder Mönch und Nonne-Pfannen.
Mönch-und-Nonne-Ziegel gab es hier in der Grafschaft Hoya  – aber nur auf Kirchlichen Gebäuden. Diese sind heute mit neuen Pfannen aus moderner Produktion eingedeckt. Die historischen, ursprünglichen Ziegel der Kirchendächer aus dem Mittelalter haben nicht überlebt.

Ein interessanter Fund
Nun hat sich Fritz Bischof aus Wechold, dem Nachbarort von Martfeld gemeldet. Hinter seinem Backhaus hat er Mönch-und-Nonne-Ziegel gefunden. Es sind nur wenige und zum Teil auch nur Fragmente, aber als Anschauungsmuster sehr interessant. Er vermutet, dass sie von der Wecholder Kirche stammen – der Kirchturm wurde in den vergangenen Jahrhunderten schon mehrere Male vom Blitz getroffen und er wurde auch schon einmal um ein Stockwerk erhöht. Die Kirche ist - bis auf den mittelalterlichen Turm – 1870 im neugotischen Stil erneuert. Die alten Mönch-und-Nonne-Pfannen werden bei dieser Maßnahme durch neue Dachpfannen ersetzt worden sein und einige „Muster" sind dann auf dem Hof von Fritz Bischof gelandet.

Fritz Bischoff in Wechold mit seiner Sammlung von Mönch-
und-Nonne-Ziegeln. Er fand sie auf seiner  Hofstelle …

Er vermutet dass sie von der Wecholder Kirche stammen

oben 4 Nonnen (auch Hacken genannt wegen des Hakens 
zum Aufhängen auf den Dachlatten) und unten 4 Fragmente 
von Mönchen mit der Stütznase die das Abrutschen nach unten verhindert.

Beispiel der Verlegung mit den vorhanden (Bruch)stücken

Die Kirche in Wechold mit dem später aufgestockten Turm von 1130
und dem neugotischen Kirchenschiff von 1870

Wechold Kirche:  Dacheindeckung  aus dem 19. Jahrhundert
mit Falzziegeln über dem Kirchenschiff

Der Turm, Ostseite,  ist mit modernen Ziegeln gedeckt:
imitierende Mönch und Nonne in einem Stück

Wechold Turm Südseite, der moderne einteilige Ersatz für alte Mönch und Nonne

Es folgen einige Beispiele von seltenen Dächern mit Mönch-und-Nonne-Deckung, 
die Aufnahmen entstanden auf div. Reisen und Exkursionen:

Dachfläche eines Turmes in der Stadtmauer Schaffhausen, Schweiz:
Ober und Unterziegel sind gleich, die Mönche haben keine Stütznasen

Mönch-und-Nonne-Dach im Baskenland, Spanien,:
Ober - und Unterziegel sind gleich

Mönch-und-Nonne-Dach in der Provence in Südfrankreich in der für die Region
typischen Farbgebung. Ober- und Unterziegel scheinen hier identisch zu sein,
eine Stütznase am Oberziegel ist für die flache Dachneigung nicht erforderlich

Haus mit Treppengiebel von um 1580, im Rheinland-Pfälzischen
Freilichtmuseum Bad Sobernheim, Ober- und Unterpfanne gleich

Ein Kornspeicher aus dem 16. Jahrhundert im Museum in Bad Zwischenahn,
die Pfannen – Mönch hier mit StützNase –
sollen angeblich aus dem 11. oder 12. Jahrhundert stammen

Reserve Mönch-und-Nonne-Ziegel auf dem Dachboden der Kirche
in Alde, Friesland, Niederlande

Kirchendach in Winsum, Friesland, Niederlande

Reserve: Mönch und Nonne auf dem Dachboden der Kirche
in Winsum, Friesland, Niederlande

Turm in der Nürnberger Stadtmauer …

… Hohlziegeldach, die Fugen sind dekorativ mit Kalkmörtel abgedichtet
Priebendach auf der Nürnberger Stadtmauer –
die Fugen zwischen den Hohlpfannen sind mit Kalkmörtel abgedichtet

im Fränkischen Freilandmuseum Bad Windsheim …

… Mönch-und-Nonne-Dach mit neuen Ziegeln …

… die Stütznasen oben an den Mönchziegeln sollen das Abrutschen verhindern

Mönch-und-Nonne-Dach mit alten Ziegeln 

Priebendach – sogenannte Hackenziegel, die Fugen mit
Kalkmörtel abgedichtet,
 im Museum Bad Windsheim …

… hier gibt es nur den Unterziegel - das spart Gewicht –
die Fugen sind mit Kalkmörtel abgedichtet

Letzter Stand der Diskussionen und nach erfolgloser Recherche zu gebrauchten Ziegeln und erneuter Kalkulation (Mönch und Nonne werden wesentlich teurer im Kaufpreis und Verarbeitung): 
Pastors Hus bekommt gebrauchte handgebackene Hohlpfannen, s. Abb. Mitte.
Diskussion zur Dacheindeckung

neue, handgebackene oder Maschinenpfannen?

Die Entscheidung fällt für gebrauchte handgebackene


Literaturempfehlung:
Wer sich intensiver mit der Geschichte der Dacheindeckungen beschäftigen möchte, dem sei die folgende Veröffentlichung des Freilandmuseums Bad Windsheim empfohlen (7 € plus Versandk.):

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