Samstag, 19. September 2020

„Bei Oma war immer was los …"

Ein Fenster hat sich Anja Groother ausgesucht.
Das kommt in ihren Flur – zum Andenken.

Balken für Balken wich gestern aus dem Giebel des alten Pastorenhaus von 1535 – und Anja Grotheer sah wehmütig zu. „Da kommt hoch, wie es früher hier war. Das ist manchmal so emotional, dass ein paar Tränen rollen“, erzählte sie, während sie Diplom-Ingenieur Tassilo Turner und seinen Mitarbeitern bei der Arbeit zusah. 
Das Torgebinde steht noch.

Die letzten Balken des Hofgiebels werden entfernt.

1963 wurde Anja Grotheer, die damals noch Meyer hieß, in diesem Gebäude geboren. „Wir haben hier mit acht Menschen gelebt“, erinnerte sie sich. Die Eisblumen am Fenster, das Baden am Wochenende in der Zinkwanne: All das hat sie nicht vergessen. Dass in dem Haus, in dem sie als Kind wohnte, noch das alte Pastorenhaus von 1535 steckte, wusste seinerzeit niemand aus ihrer Familie. „Das war immer ein Haus, das offen war“, erzählte Anja Grotheer aus ihrer Kindheit. Man habe sich hier immer zum Klönschnack getroffen, „bei Oma war immer was los, und man war nie alleine.“ 

Der Wohnbereich des Bauernhauses:
Waschküche mit dem Spülstein und Küche.
Rechts das Kammerfach schon ohne Obergeschoss.

Viele Farb- und Tapetenschichten in der Stube. 

Wo das Sofa, das Büfett und die Chaiselongue im Wohnzimmer standen, weiß sie noch ganz genau. „Und da war das Schlafzimmer meiner Großeltern“, deutete sie auf den Raum, an dessen Wände noch die Tapeten hingen. „Ich habe immer zwischen meinen Großeltern geschlafen“, erinnerte sich Anja Grotheer. 
Vorne im Haus hatten einige Tiere ihren Platz, zum Beispiel die Kälber. Hinten im Garten wurden Enten und Hühner gehalten. Auf der anderen Straßenseite besaß die Familie noch einen Stall und eine Scheune. „Da waren die Kühe und die Schweine“, erzählte Anja Grotheer. Bald schon wird der Platz leer sein, an dem sie die ersten acht Jahre ihrer Kindheit verbracht hat. Der 25. November steht nach wie vor als Termin, um das alte Pastorenhaus an seinen neuen Standort etwa einhundert Meter entfernt zu verrollen. 

Bau-Ing. Tassilo Turner (Mitte) und sein Team Tobi und Bella.

„Wir liegen gut in der Zeit“, berichtete Architekt Martin Tolksdorf. Auch Tassilo Turner ist optimistisch, hat bis dahin aber noch ein gutes Stück Arbeit vor sich. Denn die vorhandene Fachwerk-Konstruktion muss an einigen Stellen um neue Ständer ergänzt werden. „Dafür werden wir wohl neues Holz nehmen“, erzählte er. 
Kleinere Teile wie die benötigten Riegel wiederum werde er aus altem Holz machen. „Das sind Querschnitte, die man einfach besser bekommt“, sagte Turner. 

Anja Grotheer berichtet Regine Suling von der Kreiszeitung
aus dem Leben ihrer Kindheit.

Anja Grotheer schaute bei den Abbrucharbeiten genau zu. Dass das Haus demnächst ganz weg sein wird, werde ihr sicher erst so richtig bewusst, wenn der Platz leer sei, sagte sie. „Man sieht sich da immer noch durchs Haus laufen oder am Küchentisch sitzen“, sinnierte Anja Grotheer, während ein Balken nach dem anderen aus dem Anbau wich und die Wände nach und nach verschwanden. „Das hier war mein Zuhause“, sagt die Hoyerhägerin. Zur Erinnerung an ihre Kindheit hat Anja Grotheer ein bisschen Putz und auch ein kleines Fenster mitgenommen. „Das hänge ich zuhause auf.“ 
Und doch, so ganz verschwindet ihr erstes Zuhause aus der Kindheit nicht. Das alte Pastorenhaus bleibt erhalten, wenn auch an anderer Stelle. „Das ist das, was mich tröstet“, sagte Anja Grotheer.
 Text aus der Kreiszeitung von Regine Suling 

Das Info-Banner, mit Erklärungen zum Projekt „Altes Pastorenhaus von 1535”.

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