Pastors Hus

Das Pastorenhaus im Bauernhaus

Der für die Region typische Giebel dieses kleinen Bauernhauses im Eichenweg in Martfeld.
Es war völlig eingewachsen und wurde inzwischen von den Aktiven des Heimatvereins von dem Bewuchs befreit.
Äußerlich deutet an dem Gebäude, das heute an der Stelle steht, nichts mehr auf das „Alte Pastorenhaus“ hin. Heutzutage sieht man ein altes Fachwerkhaus in einem sehr schlecht gepflegten Zustand. Ein Bauernhaus, welches typisch für die ländliche Gegend ist. Zugewuchert von Bäumen und Sträuchern und augenscheinlich baufällig können nur Liebhaber solcher Gebäude erahnen, welch' Charme und Ästhetik in ihm steckt. Die Inschrift auf dem Torriegel am Giebel des Hauses deutet auf das Entstehungsjahr 1791 hin. Auch dies ein beachtliches Alter!

1791 haben Claus Hinnerich Wortmann und Mergreta von Hollen  – ein Jahr nach ihrer Hochzeit – vom Zimmermeister Dietrich Heinrich Fiddelke aus Tuschendorf  den Giebel erneuern lassen.
ALBERT MEYER UND ANNE MARGARETHE ALHUSEN HABEN DIESES HAUS BAUEN LASSEN IM JAHR ANNO 1764 78, – ein Jahr nach ihrer Hochzeit 1763 –  steht auf diesem Kopfriegel über der früheren Seitentür. 
1773 stirbt seine Frau und er heiratet 1775 Anne Trine Schröder – so könnte die 78 nach der Jahreszahl evtl. auf seine zweite Ehe hinweisen.

Als jedoch die beiden Hausforscher Bernd Kunze und Heinz Riepshoff sich dieses Gebäude mit den
Außenmaßen 11,0 x 15,6 m näher anschauten, ist ihnen die ungewöhnliche Innenkonstruktion des Gebäudes aufgefallen. Einige Merkmale passten einfach nicht zu dem angegebenen Alter des Gebäudes von 1791. Sie zeigten Bauweisen auf, die zum einen aus einer sehr viel früheren Zeit
bekannt waren (dem Spätmittelalter) und zum anderen für ein Bauernhaus in der Größe viel zu
prunkvoll gestaltet waren (sehr frühe Renaissance). Sie vermuteten, dass der innere Teil des
Gebäudes sehr viel älter ist und früher ein eigenständiges Gebäude mit den Maßen 6,7 x 8,5 m
gewesen sein könnte.

Der Hausforscher Heinz Riepshoff entnimmt mit einem hohlen Bohrer eine Holzprobe für die jahrgenaue Altersbestimmung des Bauholzes.
Untermauert wird dieser Vermutung zum einen durch eine andere Konstruktionsweise des Inneren, aber auch und vor allem durch eine wissenschaftliche Altersbestimmung des benutzten Holzes, der Dendrochronologie. Diese Untersuchung bestätigte das Fälljahr der verwendeten Baumstämme von 1535. Zur damaligen Zeit war es üblich, einen frisch gefällten Baum sofort zu verarbeiten und zu verbauen, so dass dieses Jahr als Erstellungsjahr des Hauses gesehen werden kann. 
Durch die übereinstimmenden Recherchen des Historikers Hartmut Bösche ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich bei dem gefundenen Haus um das fast 500 Jahre alte „Pastorenhaus“ von Otto Homfeld handelt!

Die Hausgeschichtliche Entwicklung der letzten 500 Jahre im Eichenweg in Martfeld.
Das ursprüngliche Wohnhaus des Pastors wurde immer wieder den Wohn- und Wirtschaftsanforderungen der jeweiligen Zeit angepasst.

Beschreibung des Hausgerüstes von 1535, dass der erste Martfelder Pastor Otto Homfeld für sich und seine Familie bauen ließ:
Der Blick ins Dach des Bauernhauses. Die dunklen Sparren von 1535 sind scharfkantig gesägt und sind Zeuge von hoher zimmereitechnischer Qualität. Die sehr tief liegenden Kehlbalken störten bei der Erntelagerung und wurden später entfernt.
Die dunklen Sparren gehören zum alten Haus, die hellen zur späteren Erweiterung zum Bauernhaus.
Auf dem Dachboden lässt sich der obere Teil der Traufwand mit den Kopfbändern und einem Zwischenständer erkennen. Der Druck der Sparren auf die ursprüngliche Außenwand wurde schon in der Vergangenheit mit starken Eisenbändern abgefangen. Die diagonalen Aussteifungen zwischen den Sparren fehlen hier.
Eine einmalige Seltenheit sind die diagonalen Andreaskreuze zwischen den Sparren. In der Region ist kein zweites Beispiel dieser Konstruktiven Elemente bekannt, auch die Recherche in der Fachliteratur brachte kein zweites Beispiel ans Licht. Wer eine vergleichbare dokumentierte Konstruktion kennt, möge sich bitte UNBEDINGT bei der Redaktion melden! 
Ein originaler Aufschiebling ist erhalten geblieben. Die Aufschieblinge werden am Ende der Sparren aufgenagelt und bilden den Dachüberstand zum Schutz der Traufwand.
Detail der noch stehenden Giebelwand mit der originalen! fast 500jährigen Lehmausfachung. Die kurzen Stummelständer mit den Taubandknaggen und den kurzen Kragbalken stehen auf der durchgehenden Giebelschwelle. 
Zimmermannszeichen zur Nummerierung der Bauteile des Holzgerüstes.
Der Balkenüberstand trug einst das vorkragende Giebeldreieck. Die Knaggen sind mit einem doppelten Tauband verziert.
Zwei Balken liegen auf dem Kragbalken: der hintere bildet den oberen Wandabschluss, am Vorderen waren die Giebelbretter angenagelt. Anhand der Nagelspuren lässt sich noch exakt die Breite der einzelnen Giebelbretter feststellen. 
Die Giebelschwelle des nicht mehr vorhandenen Giebels wurde beim Umbau zum Bauernhaus als Grootdör-Balken eingebaut. Anhand der vorhandenen Spuren – Zapfenlöcher und Stakenlöcher – lässt sich nun auch der fehlende Giebel rekonstruieren.
Drei abgesägte Wandsttänder hängen hier in der Luft.
Der mittlere Zwischenständer in der Traufwand wurde wahrscheinlich Mitte des 20. Jahrhunderts wegen des Einbaus von Zimmern abgeschnitten und mit einer massiven Wand abgefangen …
… das gleiche Schicksal traf auch den Mittelständer mit den beiden aussteifenden Kopfbändern im Längsverband. In den Zwickeln stecken noch Reste der alten Lehmwand.
Die originalen Deckenbalken sind mit 60 cm!! breiten, mit Nut und Feder versehenen Eichenbrettern von hoher Qualität belegt.
Nuit und Feder verhindern dass Funken des offenen Herdfeuers durch Ritzen das auf dem Dachboden gelagerte Erntegut in Brand setzen.
In einer Ecke des Ursprungshauses sind die Deckenbretter und das Balkenende mit Stroh verkleidet und lehmverputzt. Hier könnte eine Feuerstelle vermutet werden. Weitere Untersuchungen müssen hier Klarheit schaffen.
Im Erdgeschoss des Bauernhauses schaut man direkt auf die verputzte Giebelwand des früheren Pastorenhauses, hinter der später das Kammerfach eingerichtet wurde. Alle nachträglich eingebauten Zimmerwände sind Massiv gemauert und verputzt.
Unter dem Eckständer ist ein Rest der Schwelle zu erkennen. Der Ständer ist mit einem Holznagel schräg gedollt.
Ein Falz für ein Fenster oder eine Holzklappe am Eckständer.
Die langen schmalen Kopfbänder in der Traufwand sind nicht bündig mit der Außenwand, sondern springen ein Stück zurück. Lehmstaken überdeckten sie, sodass es in der Außenansicht keine diagonalen Elemente gab.
Originaler erhaltener Rest der Lehmausfachung im Zwickel des Kopfbandes.
Die Zeichnung von Heinz Riepshoff zeigt deutlich den Wandständerbau von 1535, mit den jüngeren Ergänzungen zum traditionellen Bauernhaus.


Quellen:

Text: Arne Wolters
Fotos und Bildtexte: Bernd Kunze
Zeichnungen: Heinz Riepshoff

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